Fehlt Sachsen tatsächlich die Begegnung mit Migranten?

Posted on 22. Oktober 2015

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In der heutigen Sendung von Maybrit Illner sagte Prof. Hans Vorländer sinngemäß, dass Bewegungen wie Pegida gerade in Ostdeutschland so stark seien, weil dort Begegnungen mit Migranten seltener sind, wodurch Vorurteile durch Gespräche nicht abgebaut und fremde Kulturen als Bereicherung aufgefasst werden könnten.

Für mich klingt es, wie der übliche Sprech eines Intellektuellen, der die deutsche Isolationsbrille in seinem Elfenbeinturm aufgesetzt hat. Denn auf unsere Situation bezogen klingt diese Erklärung zunächst vielleicht einleuchtend. In Hamburg, Köln und München konnte Pegida nicht Fuß fassen und es gibt allgemein weniger Demonstrationen gegen Migranten oder den Islam, trotz eines erheblich höheren Ausländeranteils.

Doch wenn wir unseren Blicken über den deutschen Tellerrand erheben, ergibt sich ein gänzlich anderes Bild. Die stärkste anti-islamische Bewegung Europas, mit Aussicht die nächsten Wahlen gar zu gewinnen, gibt es in unserem Nachbarland Frankreich – den Front National. Dort lebt die größte und eine der ältesten muslimischen Gemeinden Europas. Als ehemaliger Kolonialmacht ergaben sich darüber hinaus bereits seit Jahrhunderten, und nicht wie in Westdeutschland erst seit Jahrzehnten, Begegnungen mit Muslimen.

Auch in den Niederlanden, bis zur Ermordung Theo van Goghs und der sich anschließenden Ausschreitungen das Paradebeispiel für eine moderne und offene Einwanderungsgesellschaft, gibt es eine große muslimische Minderheit, aber gleichzeitig auch eine starke Widerstandsbewegung mit ihrer Galionsfigur Geert Wilders, die regelmäßig in die Parlamente einzieht. Andere westeuropäische Nationen mit langer Einwanderungsgeschichte, wie Großbritannien oder Dänemark, haben ebenfalls einen Rechtsruck erlebt, der zu deutlichen Zuzugsbeschränkungen geführt hat.

Wenn wir den Blick noch weiter anheben, stellen wir fest, dass anti-islamische Bewegungen in den auf Einwanderung gründenden multi-ethnischen Staaten USA und Australien ebenfalls stark sind.

Die westdeutsche Zurückhaltung erscheint mir daher die Anomalie zu sein und nicht das Ostdeutsche aufbegehren. Ich bin kein Politikwissenschaftler, aber es dürften eher andere Mechanismen am Werk sein. Die Westdeutschen haben, anders als die Ostdeutschen, einerseits das Nazierbe angetreten. Für viele geht damit eine Erbschuld einher, die in Bezug auf alles, was in irgendeiner Weise als rassistisch aufgefasst werden könnte, zu größter Zurückhaltung führt. Andererseits sind die Erfahrungen der Westdeutschen mit Muslimen stark durch den bisher eher gemäßigten türkischen und südosteuropäischen Islam geprägt, worin sie sich von Franzosen, Niederländern und Briten unterscheiden, wo ein strikterer arabisch oder pakistanisch geprägter Islam vorherrscht.

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