Die verweichlichte Gesellschaft – Warum wir eine Bagatellgrenze für vermeintliche Diskriminierungen brauchen!

Posted on 26. Januar 2013

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In den letzten Wochen häufen sich die Kommentare, Leserbeiträge und Leitartikel, die „offensichtliche“ Missstände in unserer Gesellschaft benennen, „wichtige“ Diskussionen lostreten und einen Wandel herbeischreiben wollen. Es scheint so, also befinde sich die deutsche Gesellschaft gerade auf der Kippe. Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Nur ein aufrüttelnder Artikel in einer der hochgelobten Zeitungen kann die Menschen noch zur Vernunft rufen.

Da gibt es den Halb-Brasilianer, der sich in einem Leserbeitrag über den „positiven Rassismus“ beschwert. Sein Name wird häufig als besonders melodiös bezeichnet und Postbeamte würden ihm ungefragt auf Portugiesisch Tipps zu guten Restaurants geben. Überall würde er herausstechen und mit positiven Assoziationen zu Brasilien belegt. Samba, Sommer, Sonne. Dabei wolle er doch nichts weiter, als ein normaler Teil der Gesellschaft sein.

Da ist der Halb-Türke, der eher deutsch aussieht und eine deutsche Kindheit erlebte. Nie betrachtete er sich als anders oder gar als Aussenseiter, aber heutzutage trifft er des Öfteren auf Menschen, die ihn wegen seines fremden Nachnamens schräg ansehen. Gefühlt hat er es auch schwerer eine gute Wohnung zu finden. Er schätze die türkische Kultur, aber eigentlich wolle er doch nur ein normaler Teil der Gesellschaft sein.

Da ist der 55-jährige Hartz IV-Empfänger, der, seit er vor 4 Jahren gekündigt wurde, keine neue Anstellung mehr gefunden hat. Sein Umfeld weiss darüber natürlich Bescheid und viele bemitleiden ihn. Die Kassiererin im Supermarkt gibt seinem Enkel immer eine extra Tüte Sammelsticker. Er will das nicht. Er will nur ein normaler Teil der Gesellschaft sein.

Da ist die Karrierefrau, die bisher alles erreicht hat im Leben. In einer Männerdomäne hat sie sich durchgesetzt und eine Führungsposition eingenommen. Aber der letzte Schritt hin in die Chefetage will ihr nicht gelingen. Sie sieht sich als Opfer des Männerzirkels, zunehmend empfindet sie auch die Sprüche der alten Herren als herablassend, ja, geradezu sexistisch. Auch wenn sie früher gerne die Waffen der Frau nutze, möchte sie doch nur ein normaler Teil der Gesellschaft sein.

Diese 4 Beispiele stehen exemplarisch für eine ganze Reihe weiterer Schicksale, die uns aufrütteln sollen. Wir sollen offener, freundlicher und toleranter werden. Das kann doch nicht zuviel verlangt sein im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Schliesslich ist die Gleichberechtigung sogar im Grundgesetz verankert. Wieso werden also nicht alle gleich behandelt?

Leider beantwortet niemand die Frage, wer denn die Norm darstellt und was daher gleich bedeutet. Im hanseatischen und zurückhaltenden Hamburg muss sich jeder Rheinländer anhören, dass er aus dem Pott kommt und seine derbe Aussprache dem reinen Hochdeutsch unterlegen ist. Mit seiner lauten, redseligen Art trifft er oft auf viel Unverständnis. Ebenso ergeht es Schwaben in Berlin, Preussen in Bayern, Ossis im Westen, Düsseldorfern in Köln, Amerikanern in Europa, Koreanern in Japan, Nicaraguanern in Costa Rica, Übergewichtigen in der Modebranche, Rockern auf einem Rap-Konzert, Vegetariern im Steakhaus und Frutariern im vegetarischen Restaurant.

In jedem dieser 4 Beispiele wird einfach vorausgesetzt, dass es eine Gruppe gäbe, die ohne Vorurteile oder Anfeindungen durchs Leben geht. Natürlich variiert die Anzahl und Härte solcher Vorfälle, aber niemand bleibt verschont. Im Gegenteil. Man kennt es noch aus der Kindheit, irgendwas findet man schon, über das man sich lustig machen kann. Kinder aus wohlhabendem Hause kriegen alles von Papi und sind hochnäsig, arme Kinder kleiden sich grässlich und riechen sonderbar. Im Erwachsenenalter setzt sich das ganze in subtilerer aber ähnlicher Form fort.

Vor allem beschränkt sich der halbwegs sichere Bereich, in dem man selten bis nie mit Vorurteilen konfrontiert wird, auf den eigenen sozialen Mikrokosmos. Wer als „Bio-Deutscher“ Deutschland verlässt wird mit Sicherheit mit Vorurteilen konfrontiert werden. Ob Mann oder Frau. Selbst in den direkten Nachbarländern, von denen uns verhältnismäßig wenig trennt, kommen bestimmte Themen immer wieder auf. Ebenso, wenn man als Nicht-Türke einen türkischen Kulturverein betritt. Wer schon mal einen Schawarma gegessen hat, wird auch bemerkt haben, dass Araber einen gewissen Sonderstatus geniessen und durchaus bevorzugt werden. Überall wo Menschen mit verschiedenen Ansichten, Abstammungen und Kulturen aufeinander treffen, kommt es zu Reibungen. Diese können positiv, aber auch negativ sein.

Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn wir alle in jeder Situation gleich behandelt würden, aber es ist illusorisch zu glauben, dass dies jemals geschehen wird. Wir sind Menschen und einige Eigenheiten unserer Spezies sind so tief verwurzelt, dass auch das dichteste gesetzliche Regelwerk daran nichts ändern wird. Solange uns die „Benachteiligungen“ also nur negativ aufstoßen, aber weder unsere Existenz bedrohen noch unsere freiheitliche Entfaltung empfindlich behindern, sollten wir lernen sie hinzunehmen. Eine Bagatellgrenze in Sachen „Gleichberechtigung“ würde der deutschen Medienlandschaft gut tun und den Fokus wieder auf wirkliche Probleme lenken.

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Posted in: Medien, Pressespiegel