RE: Zettelsraum – Noch einmal die Bluttat von Newton (<- Videospiele sind es nicht!)

Posted on 23. Dezember 2012

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Da muss ich doch widersprechen. Zettel hat in seinem Beitrag gut nachvollziehbar dargelegt, dass die Zahl der Morde nicht mit der Zahl der Waffen in Privatbesitz korreliert. Trotz stark gestiegenem Waffenbesitz liegt die Mordrate (Morde pro 100.000 Einwohner) in den USA heute niedriger als 1960. Auch eine Steigerung von Massakern sei nicht zu verzeichnen. Insofern sieht er es kritisch, die Waffenlobby zum Sündenbock zu machen. So weit, so nachvollziehbar.

Dann wird es jedoch seltsam. Er geht auf einen Kommentar aus der Washington Post von Charles Krauthammer ein. Einem Psychologen. Das soll reichen, um seine Kompetenz zu belegen. Dieser sieht verschiedene Faktoren, die zu einem solchen Vorfall führen. Waffen seien einer davon, diese aus dem Verkehr zu ziehen sei aber fast unmöglich, also gehen wir auf die Kultur ein. Hier sieht er eine Unterhaltungskultur der Gewalt. Kinder und Jugendliche sehen und trainieren am Bildschirm das töten, stumpfen ab, verrohen.

„Wir leben in einer Unterhaltungskultur, die mit bildlicher, oft sadistischer Gewalt vollgesogen ist. Wer älter ist, der kann es nicht fassen, was die abgestumpften Jungen normal, oft amüsant finden. Nicht nur Filme. Jugendliche setzen sich stundenlang hin und drücken auf Knöpfe, um Menschenwesen niederzumähen – ohne Schmerz, ohne Konsequenzen.

Und wir zeigen uns schockiert, wenn eine kleine Kerngruppe von psychisch nicht gefestigten, zutiefst gestörten, gefährlich isolierten jungen Menschen losziehen und das in die Tat umsetzen, was sie wieder und wieder gelernt haben.“

Zettel stimmt zu.

„Kinder und Jugendliche überlernen heutzutage oft das Töten in der virtuellen Situation des Spiels. Den meisten mag es nicht schaden. Aber wenn eine psychische Erkrankung hinzukommt, dann kann es zu Taten kommen wie jetzt der in Newtown.“

Hier verliert er mich. Einerseits zeigt er oben, dass er in der hitzigen Debatte einen kühlen Kopf bewahrt und lieber nüchternen, aber objektiv nachvollziehbaren Fakten folgt, hier driftet er dann aber auf eine ähnlich emotional geprägte, nicht Fakten basierte Argumentationsweise ab, wie die Gegner der Waffenlobby. Ja, er folgt nicht einmal seiner eigenen Logik.

Denn ohne Zahlen zu haben, die meine Einschätzung belegen, werfe ich einfach mal in den Raum, dass Kinder und Jugendliche heute mehr gewalthaltige Medieninhalte konsumieren als in den 1960ern und gerade in den letzten zwei Jahrzehnten eine immer noch andauernde starke Zunahme zu verzeichnen ist. Krauthammer und Zettel würden mir sicher nicht widersprechen, bringen sie in ihren Beiträgen doch zum Ausdruck, dass ihnen der Medienkonsum junger Menschen unheimlich ist (s.o.). Damals gab es vielleicht schon Krimis, aber kein Call of Duty, Gears of War oder andere blutrünstige Spiele, die sich millionenfach verkaufen und die ebenfalls gewaltliebende Filmindustrie vor Neid erblassen lassen. Wie kann es also sein, dass in einer Welt in der immer mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene solche grausamen und sadistischen Medieninhalte konsumieren, die Zahl der Morde dennoch rückläufig ist und in vielen Ländern auf einem historisch niedrigen Stand verharrt?

Würde Zettel seiner eigenen Logik folgen und die Zahlen nüchtern und objektiv betrachten, könnte er nur zu einem Schluss kommen: Videospiele taugen ebenfalls nicht als Sündenbock!

Über seinen Schlusssatz,

„Die nachgerade lächerliche Art, wie jetzt die „Waffenlobby“ zum Sündenbock gemacht wird, liefert das irrationale Gegen­stück zu der rationalen Analyse von Charles Krauthammer.“

kann man eigentlich nur lachen.

Die nachgerade lächerliche Art, wie von Zettel und Krauthammer die „Videospiellobby“ zum Sündenbock gemacht wird, liefert das irrationale Gegenstück zu der rationalen Analyse meinerseits.

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