Ein harter Winter – oder: 1933 again – allerorten

Posted on 12. Juni 2012

0


Reaktion auf „Bei Euro-Kollaps droht neues 1933“(FTD):

Während Sarrazin noch für die Behauptung belächelt und beschimpft wurde, manche würden die Kriegsschuld der Deutschen dazu nutzen, um eine umfassende Euro-Rettung zu Lasten Deutschlands zu rechtfertigen (Sinngemäß Steinbrück bei Jauch: „Schwachsinn. Niemand hat das behauptet!“), gehört diese Argumentationskette nun offensichtlich zum guten Ton der internationalen Politiker- und Wirtschaftselite. Joschka Fischer, Niall Ferguson, Nouriel Roubini und andere sprechen es ganz offen an. Die moralische Schuld unserer Großväter soll die Staatsschuld unserer Enkel begründen, die diese dann wiederum an ihre Enkel weitergeben dürfen. Scheinbar hat man gehofft, Merkel würde schneller fallen. Leider ist sie bis jetzt standhaft geblieben, also bleibt der angelsächsischen Finanzelite und ihren Helfern nur noch die große Nazikeule. Kein historischer Vergleich scheint mehr zu groß. Die Überhöhung Europas, als scheinbar besserer Ort, kennt keine Grenzen. Hielten die meisten angelsächsischen Ökonomen den Euro von Anfang an für eine schlechte Idee, sind sie nun die eifrigsten Verfechter des Euro. Entgegen aller Fakten reden sie Deutschland ein, es hätte in besonderem Maße vom Euro profitiert. Also müsste man schleunigsten die Taschen öffnen.

Ich habe noch ähnlich polemisch, absurde Kausalketten, die zurecht nur von Wenigen geteilt werden.

– Auf Grund der historischen Schuld der USA sollten sie einen Ländertausch mit den Indianern vornehmen, die in ihren kleinen Reservaten nur depressiv werden

– Die Türken haben den Griechen Konstantinopel gemopst, eine reiche Stadt, deren Steuereinnahmen die jetzige Krise verhindert hätte (Zinsen und Zinseszins natürlich); also müssen die Türken für Griechenland zahlen

– Das mexikanische Drogenproblem könnte gelöst werden, wenn man ihnen Kalifornien zurückgeben würde, da dort der größte Absatzmarkt liegt. Dann gäbe es weniger Grenzkriminalität. Die USA sind es Mexiko schuldig, oder will man diesem Krieg mit tausenden Toten jährlich weiterhin hilflos zuschauen?

Aber nein. Das ist alles albern. Schuld, das ist ein Begriff, der auf ewig exklusiv mit den Deutschen verbunden bleiben wird. Selbst wenn wir all unser Geld an wen auch immer überweisen, in der Hoffnung, dass die Krise dann vorbei ist, würde es nicht reichen. Denn sollte der Euro trotzdem untergehen, und mit ihm die amerikanische Wirtschaft, dann bleibt der Schwarze Peter bei Deutschland. „Ihr habt viel zu spät reagiert!“ wird es dann heissen. „Wir haben euch gewarnt! Uns trifft keine Schuld.“ Aus Bittstellersicht lässt sich immer leicht argumentieren, denn er trägt weder Kosten noch Risiko. Wall Street und City of London haben es in kurzer Zeit geschafft, einen noch größere Buhmann zu entwerfen, der sie aus dem Blickfeld nimmt. Gratulation!

Gerne wird bei solchen Vergleichen auch vergessen, dass Deutschland damals in einer tiefen Depression steckte und nicht angemessen reagiert hat. Heute steckt aber nicht Deutschland in einer Krise, sondern einzelne Staaten der Währungsunion, die Deutschland nur mittelbar in die Krise mit hineinziehen. Die USA schmeissen auch Kalifornien keine Steuermilliarden hinterher. Minnesota hat man 2011 in die Insolvenz spazieren lassen. Ebenso gab es kein Bail Out für die Gemeinde Jefferson County in Alabama. Solange aber nicht der eigene Steuerzahler, und damit potentielle Wähler, angezapft werden muss, reden Obama und seine Genossen schnell von finanziellen Hilfen, die Merkel verteilen muss.

Eine kleine Geschichte „Ein harter Winter“:

Deutschland (o.a. Holland, Finnland, Österreich..) kennt harte Winter und hat Angst vor ihnen. Daher verbringt es oft bei den geringsten Anzeichen, dass wieder ein harter Winter bevorsteht, den Sommer mit vorbereitenden Maßnahmen. Während sich die meisten Nachbarn auf Grillfesten volllaufen lassen und hoffen, dass der Winter erstaunlich mild werden wird, verbringt Deutschland seine freie Zeit damit die Isolierung zu verbessern, kaputte Fenster und Dachziegeln auszutauschen und die Heizungsanlage zu warten.

Kommt es dann doch zu einem milden Winter, wird Deutschland verlacht. Die Nachbarn erzählen sich Anekdoten, wie der heißblütige Spanier mal wieder eine Französin vernascht hat und wie der Grieche mit dem Italiener nach 4 Ouzo auf den Tischen getanzt hat, während Deutschland isoliert zuhause am werkeln war. Dieser langweilige Streber. Bereitet sich auf etwas vor, was eh nicht eintritt. Nur weil es vor vielen Jahren mal einen harten Winter gab, heisst es doch nicht, dass so etwas nochmal passiert. Spinner! Während er sein Geld in teuere Renovierungsarbeiten steckt, geben wir das Geld lieber fürs soir vivre aus. Man lebt schließlich nur einmal. Carpe diem!

Jetzt folgten jedoch mehrere harte Winter aufeinander. Wer hätte es ahnen können. Griechenland, Spanien, Italien, Portugal, Irland und Island waren nicht vorbereitet, auch Frankreich fröstelt es langsam. Mit den sinkenden Temperaturen fallen auch die Hemmschwellen und ein gewisser Realitätsverlust hält Einzug. Die frierende Gemeinschaft organisiert und solidarisiert sich. Deutschland muss uns ins Haus lassen, sonst erfrieren wir noch! Dieser Egoismus kann nicht geduldet werden. Also zieht man mit Mistgabeln und Fackeln in den deutschen Vorgarten und protestiert gegen die unsägliche Arroganz. Wie kann der Deutsche nur im warmen sitzen, während wir frieren und uns auch noch sagen, wie wir das Haus isolieren könnten?

Deutschland ist leicht verwundert und verängstigt. Ich habe doch einfach nur ordentlich vorgesorgt, wie kann man mir das zum Vorwurf machen? Außerdem habe ich Brennholz und Heizdecken geschickt, was soll ich denn noch tun? Ich habe gar nicht genug Platz für alle. Wenn sie mein Haus stürmen, dann sitzen wir danach doch nur alle in der Kälte. Das hilft doch auch keinem!

Doch der Mob lässt sich von solcherlei Geschwätz nicht abhalten. In harten Zeiten fragt man nicht nach Schuldigen, man hilft sich gegenseitig. Also stürmen sie sein Haus, zerschlagen die Fenster und rennen die Haustür ein. Endlich sind sie im Warmen. Der Franzose und Grieche reibt seine schon blau angelaufenen Hände vor dem Kamin, Portugal und Italien kuscheln sich unter die Decken und Spanien schmeisst den Radiator an. Fürs Erste ist jeder zufrieden, nur der Deutsche fürchtet sich, dass die Kälte doch noch eindringt. Wenig später ist es soweit. Die Fenster können nicht repariert werden, die Haustür ebenso und der Radiator bricht unter der Last zusammen. Die Kälte dringt nun auch ungehindert ins deutsche Haus und alle frieren gemeinsam.

Der Schuldige ist schnell gefunden. Es ist der Deutsche. Er hat die anderen weder ausreichend gewarnt, noch seine Ressourcen mit ihnen so geteilt, dass sie ihre Häuser komfortabel und schnell auf den aktuellen Stand bringen konnten, der sie vor dem Frost gerettet hätte. Somit blieb ihnen kein anderer Ausweg, als das deutsche Haus zu stürmen. Keiner konnte ahnen, dass Deutschland weder die Haustür, noch die Fenster schnell wieder würde reparieren können.

Gemeinsam sitzen sie nun fröstelnd im deutschen Wohnzimmer und fangen an, sein Haus als Brennholz zu verwerten. Er ist schließlich Schuld, dass es soweit gekommen ist.

Advertisements