Kony 2012 – Wie Propaganda 2012 funktioniert

Posted on 19. März 2012

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Kony 2012 ist unbestreitbar das bisher größte virale Phänomen dieses Jahres. In kürzester Zeit hat das Video nicht nur über 100 Millionen Menschen weltweit erreicht, sondern auch die dahinterstehende Organisation, Invisible Children, ins Licht der Weltöffentlichkeit gestellt. Auf der ganzen Welt berichten Blogs und Zeitungen über das Video, die „Bewegung“ und die Organisation.

Der Mitgründer von Invisible Children und Regisseur des Films, Jason Russell, war bis zu seiner Verhaftung in vielen amerikanischen Frühstücks- und Nachrichtensendungen zu sehen um sein Werk zu präsentieren und die aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Die Kritik an der Organisation und dem Werk will dennoch nicht abreissen. So wird Invisible Children nicht nur vorgeworfen, mit ca. 30% der eingegangenen Spenden zu wenig an die Projekte in Afrika weiterzuleiten. Jason Russell wird darüber hinaus in Verbindung mit erzkonservativen amerikanischen Klerikalen gebracht. Man hinterfragt das Motiv der Gruppe und wirft ihnen vor die Fakten zu manipulieren, da sich, unter anderem, Joseph Kony seit mehr als 6 Jahren nicht mehr in Uganda aufhält.

Zu den ganzen Vorwürfe wurde schon zur Genüge und mit mehr Hintergrundwissen geschrieben. Einen interessanten Aspekt möchte ich im folgenden aber beleuchten: Warum hat es gerade diese Kampagne in so kurzer Zeit zu einem solchen Erfolg gebracht?

Wir alle kennen unzählige karitative Einrichtungen, die, oft von unabhängiger Seite bestätigt, ein gutes Werk vollbringen. Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel. Aber selten, eher gesagt nie, hat es Ärzte ohne Grenzen geschafft soviele Menschen in so kurzer Zeit zu erreichen und sie gegenüber einer bestimmten, von ihr ins Auge gefassten Problemstellung, sensibilisiert. Dabei ist unbestreitbar, dass Ärzte ohne Grenzen den Menschen im Land wirkliche Vorteile bringt. Bei Kony 2012 ist das nicht der Fall, dies wird bisher nur suggeriert, handfeste Erfolge hat die Organisation bisher kaum vorzuweisen.

Auch ist Joseph Kony nicht der erste böse Mensch der Kinder verschleppt, sie zu Soldaten ausbildet und Mädchen vergewaltigt. Vor allen Dingen macht er dies aber schon seit Jahrzehnten, wieso also gerade jetzt diese Kampagne mit einem solchen Erfolg?

Unbestreitbar versteht Jason Russell sein Handwerk. Der Film ist sehr gut und modern produziert. Die Bilder sind eindrucksvoll und an jeder Ecke wird ans Mitgefühl des Zuschauers appelliert. Er schafft es, dass man sich selber fragt, weshalb man nicht aktiv werden sollte. Es erscheint einem nach dem Film eher so, dass es alternativlos ist selber aktiv zu werden. Man fragt sich nicht einmal, ob es gut sein kann, wenn westliche Kräfte in die Belange eines unabhängigen Staates eingreifen. Nein, hier geht es um Gut gegen Böse. Grenzen, wie der Film auch sagt, spielen in der Facebook-Welt keine Rolle mehr.

Und hier kommt der zweite, noch wichtigere Punkt zum Tragen. Jason Russell versteht es, Social Media in seine Kampagne einzubauen. Ständig stößt der Film einen auf die einfachen Wege das Ziel zu erreichen und Joseph Kony bekannt zu machen. Twitter, Email, Facebook… so einfach kann es sein ein Teil der Guten zu werden. Wer möchte sich nicht am Kampf gegen einen Kinderschänder beteiligen und mit 2 Klicks habe ich der Sache gedient und eine gigantische Lawine an gut gemeinten Shares war losgetreten. Mit sanftem Druck werden gleich auch noch 20 Prominente und 12 Politiker dazu gedrängt, sich für eine Sache auszusprechen gegen die niemand ernsthaft Einwände erheben könnte.

Eine Armee an aufgebrachten Facebook-Mitgliedern hat die etablierten Machtzentren der Wirtschaft und Politik damit zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hellhörig gemacht. Erst schwappte die Occupy Bewegung in kürzester Zeit von New York über den ganzen Erdball. Auf Grund ihrer inkohärenten Zielsetzung jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Was hieraus wird muss sich erst noch zeigen. Kony 2012 ist jedoch ein simpleres Phänomen mit nur einem Ziel, aber ähnlichen Strukturen. Eine heterogene, globalisierte Masse fühlt sich einem Ziel verpflichtet, welches angenehmer Weise auch keinen ernsthaften Widerspruch zulässt: Wir sind gegen afrikanische Warlords, die Kinder missbrauchen! Wer könnte da Nein sagen?

Und hierin zeigt sich auch schon der Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen. Neben ihren verstaubten, nicht Web2.0 geeigneten Strukturen, sind diese meist eher darauf bedacht ernsthaftes Interesse zu wecken und so nachhaltig eine Veränderung herbeizuführen. Natürlich nehmen auch diese Organisationen gerne Fernsehspendengalas mit, denn ohne Geld können auch sie ihr Ziel nicht erreichen. Dennoch überschreiten sie die klare Grenze zur irreführenden Propaganda nicht.

Invisible Children ist sich aber nicht zu schade diese Grenze in praktisch jedem Ausschnitt zu überschreiten. Da zeigt man einen weinenden Jungen, der seinen Bruder verloren hat und in den schwarzen Bildschirm hinein sagt Jason: „It’s ok, Jacob!“. Seinen süßen, blonden Sohn, der den bösen afrikanischen Mann stoppen möchte. Untätige Politiker und eine unnachgiebige Hilfsorganisation, die einfach nicht locker lässt. David gegen Goliath. Am Ende marschiert aber die Armee der Gerechten um den Lauf der Geschichte zu Ändern. Pathos vom allerfeinsten.

Aufmerksamkeit erreicht man nicht durch Fakten, sondern am besten über Gefühle. Das hat Jason Russell verstanden. Worum es ihm und seiner Organisation geht, sollte man aber dennoch kritisch hinterfragen, bevor man spendet oder sich eines der lächerlichen „Action Kits“ für 30$ bestellt. Es bleibt der Verdacht im Raum, dass hier ein geltungssüchtiger Selbstdarsteller karitative Beweggründe vorschiebt um sich ins Rampenlicht der Welt zu stellen und dabei noch gut zu verdienen.

Natürlich sollte man nicht jedes gut gemeinte Projekt direkt zerreden. Wer aber so an Fakten spart, sich, seine Familie und Freunde instrumentalisiert und nur auf die Tränendrüse drückt, muss mit einem gesunden Maß an Skepsis rechnen. Letztendlich bleibt die Frage, weshalb man eine Hilfsorganisation für Uganda aus dem schönen, sicheren und wohlhabenden San Diego heraus betreibt und mehr als 60% seiner Mittel dort ausgibt, wenn man doch eigentlich Afrikanern helfen möchte.

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Posted in: Medien, Pressespiegel