Wir sind die oberen 15% – Occupy your Mind!

Posted on 23. November 2011

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Bisher stand ich allen Protestbewegungen meist sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber. Meist waren sie von einer Naivität geprägt, die mir einfach nicht zusagte. Ob es nun Castor-Gegner sind, die sich händchenhaltend auf Gleise werfen, Stuttgart 21 Gegner, die ihre innere Angst vor Veränderungen auf eine höhere Ebene tragen wollen, oder spanische Platzbesetzer, die kleine Diskussionsrunden schaffen, in denen jeder reden darf, der gerade den Sprechball hält… für mich waren sie alle naive Träumer, die ihre Zeit auch sinnvoller nutzen konnten.

Mit Occupy Wall Street habe ich seltsamerweise aber von Anfang an sympathisiert. Auch diese Leute sind teilweise naiv und träumerisch, aber irgendwie ist der Kern der Bewegung realistischer und ihr Protestziel für mich greifbarer. Denn während sich die Menschen auf der Straße tatsächlich um ihr Erspartes sorgen müssen, werden an der Wall Street wieder Rekordboni ausgeschüttet. So ganz fair läuft es vor allem in den USA zur Zeit nicht, Wut und Unverständnis sind also mehr als gerechtfertigt.

Da der Kern der Bewegung aber kaum auszumachen ist und es ausser dem Slogan „We are the 99%!“ kaum Konsens innerhalb der Bewegung zu geben scheint, muss man sich an das halten, was die Medien daraus machen. Die meisten scheinen die Bewegung als grundsätzliche Kritik am System zu sehen. Kapitalismuskritiker auf der Suche nach Alternativen. Und gerade das missfällt mir, denn die Medien sind seit langem auf der Suche nach der Alternative. „Wir brauchen eine Abkehr vom auf Wachstum fixierten Wirtschaftssystem.“ „Kapitalismus ist am Ende!“.

So ganz erklären, wieso unser System so schlecht und Alternativen besser sein sollen, kann dabei aber keiner. Denn weder brauchen wir eine Abkehr vom Wachstum, denn auch wenn wir kein 3. Haus oder 4. Autos brauchen, so werden wir immer nach besserem streben. Eine Wirtschaft ohne Wachstum würde vermutlich auf ewig die selben Produkte ausstoßen, aber wer würde heute ernsthaft gerne eine längere Reise in einem Käfer der 50er antreten oder die EM 2012 auf einem Telefunken Gerät Baujahr 1951 anschauen? Die Antwort heisst also qualitatives Wachstum. Darüber hinaus sind bei weitem nicht alle Bedürfnisse gedeckt. Viele Familien wünschen sich überhaupt ein Auto, chicen Fernseher etc.

Grundlegender wäre aber die Frage, ob der Kapitalismus abgeschafft werden muss um endlich jedem Glückseligkeit zu schenken. Einige scheinen ja gerade die Rückkehr der Sozialismus herbeizusehnen, der diese Fähigkeit besitzen soll. Jede Krise bringt eben auch die absurdesten Ideen wieder hervor. Aber bei Lichte betrachtet leben wir selbst in unserer jetzigen Situation in beispiellosem Luxus (der zwar teilweise mit Schulden finanziert wurde, aber selbst der größte Skeptiker weiss, dass wir diese mit gewissen Anstrengungen zurückzahlen können).

Nach Sozialismus sehnen sich nur solche, die nicht in ihm leben, alle anderen wünschen sich nichts mehr, als unsere, kapitalistischen, Verhältnisse. Wie viele Chinese, Kubaner oder Ostdeutsche haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, nur um diesem Systemen zu entfliehen?

Sozialismus ist die gleichmäßige Verteilung von Armut, Kapitalismus die ungleichmäßige Verteilung von Reichtum!

Und wenn wir die Polemik der Protestierer von der nationalen auf die globale Ebene heben, dann erkennen wir schnell, wie gut es uns geht. Der Westen ist weiterhin der Maßstab in Sachen Wohlstand. Wir sind immernoch die Region mit den fairsten Sozialsystemen, den reichsten Unternehmern und Unternehmen und den höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Europa, Nordamerika, Japan, Korea und Australien stellen knapp eine Milliarde Einwohner, also ein Siebtel der Weltbevölkerung. Somit gehört jeder OWS Camper zu den oberen 15% der Weltbevölkerung.

Darin spiegelt sich aber auch nur wider, was vielen linken „Menschenfreunden“ oft unterläuft: nationaler Egoismus. Wenn in Deutschland ein Nokia Werk schließt, dann Protestieren alle Gewerkschafter und Menschenfreunde, da dadurch unschuldige Leute arbeitslos werden, die auf ihre Arbeit angewiesen sind und sie werfen dem Unternehmen vor skrupellos, unethisch und unsozial zu handeln. Dabei kommen die Jobs dann Menschen zu Gute, die nicht in einem Land leben, in dem sie von einem außerhalb Europas fast beispiellosem sozialen Netz aufgefangen werden.

Das soll alles nicht bedeuten, dass man die hiesigen Verhältnisse nicht kritisieren sollte und jeden Exzess dulden muss, aber bei seiner Kritik sollte man berücksichtigen, dass dieses System deutlich fairer und offener ist, als alles, was uns bisher geboten wurden. Raum zur Verbesserung bleibt dennoch genug und dafür sollten wir uns einsetzen.

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