Anonymität – Im Internet, wie im wahren Leben

Posted on 4. August 2011

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Immer öfter liest man, dass in Zukunft auch im Internet mit „offenem Visier“ gekämpft werden muss. Man dürfe sich nicht hinter einem Pseudonym verstecken. Der Klarnamenzwang muss her, damit die aus dem Ruder geratenen Debatten im Internet endlich zivilisierter ablaufen. Der neue Personalausweis bietet ja alle Möglichkeit, dies endlich in die Tat umzusetzen. Forenbeiträge nur noch nach Verifizierung der Identität, der Traum eines jeden Sicherheitspolitikers.

Die scheinbare Logik dahinter: Nur im Internet herrscht Anonymität, im realen Leben nicht. Dort ist jede Meinung mit meinem Gesicht verbunden und mir somit zuzuordnen. Ein Zugriff der Sicherheitsbehörden scheinbar stets möglich, sofern gewollt und erforderlich. Aber stimmt das überhaupt? Trotz des Vermummungsverbots geht mein Gesicht in der Masse einer Demonstration unter und ich kann skandieren was ich möchte. Sollte ich mich gesetzwidrig verhalten, kann die Polizei in den meisten Fällen selbst mit einem Foto von mir nichts anfangen, sie müsste mich schon festnehmen, um meine Identität tatsächlich festzustellen. Genauso kann ich Graffitis an die Wände schmieren, Flugblätter verteilen oder unter Pseudonym in Zeitschriften schreiben, inserieren, was auch immer. Meine Identität bleibt in vielen Fällen geheim.

Insofern bestehen zwischen Internet und realem Leben wenig unterschiede. Im Internet mag es einfacher sein, anonym zu bleiben, aber auch hier kann die Polizei an meine wahre Identität gelangen, wenn sie einfach nur den Spuren folgt. Selbst die vermeintlich cleversten Hacker werden regelmäßig hochgenommen. Wieso sieht man hier also Handlungsbedarf?

Anonymität ist eine Grundvoraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft. Nicht jeder möchte, dass sein direktes Umfeld über all seine heimlichen Wünsche, seine politischen Ansichten oder sexuellen Vorlieben Bescheid weiß. Wer möchte das überhaupt? Einige der größten Fehlentwicklungen in Wirtschaft und Politik wären nie aufgedeckt worden, wenn es nicht den Schutz der Anonymität gäbe, der für Whistleblower, Zeugen und Informanten aller Art eine Lebensversicherung sein kann.

Anonymität bedeutet Freiheit. Diese kann missbraucht werden, aber das gehört unweigerlich zum Leben, nur möchten wir es für unsere Breitengrade oft nicht akzeptieren. Während die hiesigen Medien und Politiker sich ständig für mehr Freiheit, auch im Internet, in China und im Iran einsetzen, scheinen hier ganz andere Gesetze zu gelten. Hier gibt es zu viel Freiheit, dort zu wenig. Wenn wir nicht aufpassen, dreht sich das Verhältnis schon bald.

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