Der Spiegel prophezeit nicht das Ende der Geschichte, aber des Internets

Posted on 30. Juli 2011

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Ja, es ist nur ein Gedankenexperiment, aber es passt sehr gut in das Weltbild des Spiegel. Die Welt verändert sich nicht zum Guten, alles wird schlechter, das Ende ist nah. Murphy’s Law, was schief gehen kann, wird schief gehen. Wir sind alle nur hilflose Zeugen dieser Entwicklung.

Ole Reißmann prophezeit, dass das Internet sich zu einer Spielwiese der Monopolisten entwickeln wird, die so mächtig werden, dass sie auch die Realwirtschaft, ja, sogar die ganze Gesellschaft beherrschen. Was sie nicht in ihre Datenbanken aufnehmen, findet nicht statt. Dagegen wird sich Widerstand in der Politik formieren, die diese Monopolisten zerschlagen wird. Eine düstere Zukunftsvision.

Aber wieso sollte es soweit kommen? Die Vergangenheit, selbst die jüngere, zeigt doch, dass das Internet immer noch ein hoch dynamischer Ort ist, der kaum Raum für alles beherrschende Monopolisten bietet, da die Einstiegshürden geringer sind als sonst irgendwo. Jeder Monopolist wird träge und bietet einem innovativen Newcomer damit Angriffsfläche.

Facebook ist ja gerade kein abschreckendes Beispiel, sondern Beweis dessen. Vor wenigen Jahren galt Myspace noch als das Ende der sozialen Geschichte des Internets. Murdoch investierte Milliarden, die Nutzerzahlen waren gigantisch, es fehlte nur noch ein Vermarktungssystem. Und trotz dieser Voraussetzungen, den mächtigsten Medienmogul im Rücken und eine nie dagewesene Marktdurchdringung, schaffte es ein Nerd aus seinem Wohnheim heraus Myspace zu Fall zu bringen. Ihm blüht vielleicht das gleiche Schicksal, wenn Google+ sich durchsetzt oder sich die Nutzer nicht mehr mit der Datennutzung einverstanden erklären und zur bisher vernachlässigbar kleinen Konkurrenz abwandern. Zumindest ist Facebook trotz seiner gigantischen Zahl kein Monopolist. Google+ ist eine ernstzunehmende Konkurrenz, im lokalen Bereich gibt es unzählige beliebte Mitbewerber und Professionelle aller Art vertrauen auf ihre eigenen Netzwerke.

Nichts anderes ist bei den Providern zu vermuten. Galt um die Jahrtausendwende das 21. Jahrhundert noch als das AOL Jahrhundert, man war schließlich gerade durch die Übernahme von Time Warner zu einem der größten Unternehmen der Welt aufgestiegen und hat die „alte“ Wirtschaft damit das fürchten gelehrt, die Nutzerzahlen stiegen ins unermessliche und die Euphorie war groß. Wenige Jahre später hört man wenig von AOL. Die Zahl der Provider ist seitdem enorm gestiegen und in Folge dessen sind die Kosten für den Endverbraucher enorm gesunken. Alles gut, der Markt funktioniert.

Genauso wenig muss man fürchten, dass sich Google, Apple, Microsoft und Facebook in Zukunft das Internet aufteilen. Wie gerade beschrieben kann ein scheinbar marktbeherrschendes Unternehmen binnen weniger Jahre in die Bedeutungslosigkeit abrutschen. Yahoo ist hierfür ein weiteres Beispiel. War man doch auf dem Weg zum Generalist, der alles aus einer Hand anbot und somit seine Konkurrent quasi überflüssig machte, ist man heute eher ein Nischenanbieter und betrachtet das Geschehen vom Rand. Microsoft’s Einfluss auf das Internet wird auch eher überschätzt. Weder Bing noch alle anderen Bestrebungen haben bisher gefruchtet. Dennoch sorgt die schiere Präsenz eines so finanzstarken Unternehmens für eine Belebung des Marktes. Apple hat den Schritt vom Außenseiter zum Global Player auch in wenigen Jahren vollzogen, was wiederum für die Dynamik des Marktes und nicht für eine Entwicklung hin zu einem statischen Markt der Monopolisten spricht. So schnell wie RIM verdrängt wurde, kann es auch Apple ergehen.

Auch die scheinbare Dominanz der App-, Bücher-, Musik-, und Filmanbieter, die uns diktieren welche Produkte wir konsumieren dürfen, wird heillos überschätzt. Alleine schon ein Blick auf die von jedem und mit jedem Gerät nutzbaren digitalen Musikquellen zeigt dies: YouTube, dailymotion, iTunes, Amazon, Android Music Store, musicload, spotify, napster, last.fm und hunderte andere. In der Innenstadt habe ich weniger Möglichkeiten an Musik zu kommen. Wie die Vergangenheit auch gezeigt hat, lässt der Kunde sich kein restriktives DRM-System aufdrücken, daher sind die Einstiegshürden auch hier wieder so gering, dass sich schnell eine neue Marke etablieren kann, wenn die bisherigen Angebote nicht dem Geschmack des Kunden entsprechen.

Also keine Sorge, lieber Spiegel. Mit General Motors wurde auch nicht das Ende der Automobilbranche eingeleitet und mit euch zum Glück nicht das Ende des Wochenmagazins. Ihr habt zwischen 2001 und 2004 auch schon das Ende der deutschen Wirtschaft prophezeit, heute sieht es doch gar nicht mehr so schlecht aus. Etwas mehr Vertrauen in die Zukunft.

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