Sündenbock Videospiel – Ein Kulturgut als Quell allen Übels

Posted on 9. März 2011

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Der Amoklauf des 21 jährigen Arid U. in Frankfurt war keinen Tag her, schon titelte FAZ.net „Anschlagsgefahr in Deutschland: Die Programmierer der Ego-Shooter“. Dieses geschickte Wortspiel mag dem Autor gelungen sein, steht aber auch exemplarisch für die negative Berichterstattung über Videospiele.

Bisher dienten diese „nur“ als Sündebock für amoklaufende, gestörte Jugendliche, mit Problemen in ihrem sozialen Umfeld. Videospiele als Ersatzwelt, in der Stärke und Macht erfahren wurde, die der Täter im realen Leben nicht hatte. Für einige scheinen sie mittlerweile bereits als heimische Version eines afghanischen Terrorcamps zu dienen.

Es ist Zeit das Verhältnis zum Kulturgut Videospiel grundlegend zu klären und solchen Darstellungen die Grundlage zu entziehen. Denn gerade das ewige Infragestellen des gesamten Mediums, seiner Daseinsberechtigung, sollte im 21. Jahrhundert für Verwunderung sorgen. Filme und Bücher haben seit Jahrzehnten als Vorbild für Gewalttaten gedient, mit ihnen wurde Propaganda für die schlimmsten Regime dieser Erde verbreitet, aber niemand bezweifelt ihre Stellung als Kulturgüter, die dem Schutz unserer Verfassung bedürfen.

Genau wie Filme und Bücher sind Videospiele das Produkt einer künstlerischen Leistung. Aus dem Nichts werden virtuelle Welten erschaffen, die so verschieden sind wie die Fantasie der Schöpfer reicht. Von der Erkundung ferner Galaxien bis hin zur LKW-Fahrt auf der A1 ist alles möglich.

Genau wie bei Filmen und Büchern werden dabei verschiedene erzählerische Tiefen erreicht, vom epischen Rollenspiel mit hunderten Seiten Text bis hin zum iPhone-Spiel für zwischendurch, ohne jeglichen Tiefgang. In dieser Hinsicht ist die Bandbreite wohl noch größer, da die „Mindesttiefe“ beim Videospiel geringer ist. Nichtsdestotrotz sind auch diese Spiele das Ergebnis eines kreativen, künstlerischen Prozesses.

Man kann über den Begriff der Kunst streiten, wie es auch bei den bildenden Künsten ständig der Fall ist, die Gerichte legen ihn jedoch weit aus: „Das Wesentliche der künstlerischen Betätigung ist die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse des Künstlers durch das Medium in einer bestimmten Formensprache zur unmittelbaren Anschauung gebracht werden.“ Die Freiheit der Kunst wird in Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes geschützt. Ihre Schranken findet sie im Jugendschutz und anderen Grundrechten.

Was Kunst ist, darf nicht davon abhängen was einige als pädagogisch wertvoll oder schön empfinden. Kunst definiert sich auch nicht durch eine gehobene, ältere Konsumentenschicht oder dadurch, dass diese Ausdrucksform bereits seit Jahrhunderten besteht. Kunst ist wandelbar und unbegrenzt in ihren Erscheinungsformen. Graffiti ist ein gutes Beispiel für eine junge, aber mittlerweile etablierte Kunstform.

Es wird also Zeit Videospielen den ihnen gebührenden Rang zwischen anderen Kunstformen zuzugestehen. Wieso sollte für Filme wie Kill Bill ein anderer Maßstab gelten als für GTA IV? Die politische und gesellschaftliche Diskussion hierüber hinkt der Lebenswirklichkeit der Jugend sowieso um Jahre hinterher. Für viele sind Videospiele längst die prägendste Kunstform, den Segen der trägen Eliten brauchen sie dafür nicht. Wer sich einmal auf die mitreissende Atmosphäre eines Heavy Rain eingelassen hat, wird es verstehen.

Die Oberen der Medienbranche haben diesen Trend ganz nüchtern an ihren Bilanzen ablesen dürfen. Seit einigen Jahren schwingt sich die Branche der Unterhaltungsmedien von einem Rekord zum nächsten. Veröffentlichungen wie Halo oder Call of Duty generieren einen höheren Umsatz als die größten Hollywood-Blockbuster. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich auch seriösere Gestalten dem Thema mit etwas mehr Ernsthaftigkeit und Wohlwollen widmen. Denn eines weiß selbst die CSU: Geld stinkt nicht!

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Posted in: Medien, Zeitgeschehen