USA – Ein anderes Staatsverständis

Posted on 10. Januar 2011

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In der deutschen Berichterstattung über die USA wird immer wieder mit Verwunderung auf die ein oder andere Eigenheit des amerikanischen Rechtssystems oder Staatswesens verwiesen, die die meisten Europäer in ungläubiges Staunen versetzt. Ich möchte hier kurz eine Lanze für die Amerikaner brechen.

Anders als wir Europäer haben die Amerikaner keinen Staat, der über Jahrhunderte bzw. Jahrtausende gewachsen ist. Während unsere Staaten zwar modernisierte Versionen ihrer Vorgänger sind, oder gar versuchte Neuauflagen, so können sie ihre Herkunft doch nicht verleugnen und vieles geht auf Errungenschaften aus der Vergangenheit zurück.

Die USA sind im Gegensatz dazu eine völlig neue Version, die in Abgrenzung zu ihren transatlantischen Vorgängern entstanden ist. Nie mehr wollte man sich von irgendeiner Obrigkeit vorschreiben lassen was man sagen darf, was man glauben soll und was man tun darf. Freiheit war das Fundament der amerikanischen Verfassung. Der Staat lediglich das Vehikel, das die Bürger brauchten, um ihre individuellen Freiheiten durchzusetzen und zu sichern. Der Staat sollte sich dabei auf seine wesentlichen Aufgaben beschränken und sich möglichst wenig in die Angelegenheiten der Bürger einmischen. Durch dieses größtmögliche Maß an Freiheit wurden die USA zum Sehnsuchtsort vieler Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Ganz anders wurde der Staat dagegen hier betrachtet. Man kannte die Wohltaten der Monarchen noch all zu gut, als man zur Demokratie überging. So ist ein System entstanden, dass dem Einzelnen zwar alle demokratischen Freiheiten sichern sollte, die in der Monarchie nicht gewährleistet waren, dabei sollten die ausgiebigen Wohlfahrtssysteme aber beibehalten bleiben. Der Staat wurde so zum großen Versorger, partnerschaftlich und fürsorglich soll er sich um seine Schäfchen kümmern. Solange er zum Wohle aller handelt, darf er sich gerne auch in gewisse Angelegenheiten seiner Bürger einmischen.

Daraus erklärt sich, weshalb Amerikaner höhere Steuern nicht hinnehmen um ein umfangreiches Sozialwesen aufzubauen. Weshalb rechtsradikale Vereinigungen durch jüdische Viertel marschieren dürfen oder (fast) jeder seine eigene Waffe besitzen darf. Scientology als ganz normale Religion unter tausenden anderer gilt. Menschen Washington bis aufs Blut hassen, weil es sich mittlerweile eher einem Staat europäischen Vorbilds verschrieben hat.

Trotz, oder gerade wegen, dieser unschönen Begleiterscheinungen ist das amerikanische Experiment des Liberalismus ein äußerst erfolgreiches. Bis heute sind sie die führende Nation und werden dies kulturell wohl auch dann bleiben, wenn China sie wirtschaftlich abgehängt hat.

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Posted in: Ausland, Politik, Staat