Naika Foroutan widerlegt Sarrazin, oder doch sich selbst?

Posted on 7. Januar 2011

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Wie Zeit Online gerade groß postuliert, wurde Sarrazin nun endlich widerlegt. Nach monatelanger Recherche konnte die Politologin Naika Foroutan mit vielen emsigen Helfern nun Zahlen finden, die Sarrazin das Wasser abgraben. Ohne mich auf eine Seite schlagen zu wollen, möchte ich nur gerne zu dieser fast unglaublichen Augenwischerei Stellung beziehen.

Wie im Artikel behauptet wird, seien die Statistiken die Frau Foroutan heranzieht, im Gegensatz zu denen Sarrazins, über jeden Zweifel erhaben. Diese stammen unter anderem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration. Wie die Philip Morris Stiftung herausgefunden hat, ist Rauchen absolut unschädlich und auch für Säuglinge zu empfehlen…

Dann folgen konkrete Zahlen, die uns beweisen sollen wie gut Muslime in Deutschland integriert sind. Sarrazins Annahme, dass es immer mehr „Kopftuchmädchen“ gibt, hält sie entgegen, dass 70% der Muslima in Deutschland kein Kopftuch trügen. Was will sie uns damit sagen? Sie geht weder auf einen Trend ein – vielleicht waren es vor 10 Jahren ja noch 90% -, noch ist der Anteil der Kopftuchträgerinnen mit 30% der Muslima gering.

Auch die Debatte über Eltern, die ihren Töchtern verbieten am Sportunterricht teilzunehmen, sei eine „Phantomdebatte“, da dies nur 7 – 10% der Kinder beträfe. 7 – 10%? Die Zahl ist gigantisch. Wir regen uns seit Jahren über die hohe Zahl an Schulabbrechern auf. Die liegt bei ca. 8%. Wie würde Frau Foroutan wohl reagieren, wenn die NPD 10% bei der Bundestagswahl einfahren würde? Vernachlässigbar?

Auch besteht kein Risiko des Entstehens von Parallelgesellschaften, da mehr als drei Viertel der Befragten angaben häufig Freundschafts- und Nachbarschaftskontakte mit Nichtmuslimen zu haben. Unabhängig von der Frage, wie solide die Datenbasis ist wenn man auf freiwillige Angaben vertraut, bedeutet dies bei 4 Millionen Muslimen immerhin, dass eine Millionen selten bis keinen Kontakt zu Nichtmuslimen hat. Das wäre eine Stadt der Größe Kölns, die viertgrößte in Deutschland. Besteht hier nicht vielleicht doch zumindest die Möglichkeit einer Parallelgesellschaft?

Auch der Verweis darauf, dass 70% der Menschen in Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund gute bis sehr gute Deutschkenntnisse haben, ist eher der Beweis Sarrazins Thesen. Genau wie der Hinweis darauf, dass 2008 22,4% der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, also die der 2. oder 3. Generation, das Abitur oder Fachabitur erreichten und damit einen gigantischen Anstieg um 800% gegenüber ihrer Elterngeneration schafften, ist allerhöchstens ein Hoffnungsschimmer. In fast allen anderen Bevölkerungsgruppen ist diese Zahl mehr als doppelt so hoch – gerade in Anbetracht der Einbeziehung des Fachabiturs.

Sarrazins Aussage, 20% aller Gewalttaten in Berlin würden von türkischen und arabischen Jugendlichen begangen, setzt sie eine Zahl des Polizeipräsidenten entgegen: es sind 8,7%. Endlich haben wir den Beweis, dass Sarrazin maßlos übertrieben hat, oder? Leider nicht. In Deutschland werden Straftäter nur nach Nationalität, nicht aber nach ethnischer Herkunft registriert. Da Sarrazin nicht von türkischen und arabischen Staatsbürgern sprach, sondern von Gewalttätern dieser Herkunft, ist die Zahl des Polizeipräsidenten kein Gegenbeweis. Hier kann man Sarrazin jedoch Spekulation vorwerfen, sofern er nicht auf eine entsprechende Studie verwies, wovon ich keine Kenntnis habe.

Zum finalen Todesschuss setzt sie mit einer Widerlegung der Aussage an, dass 40% der Türken in Deutschland ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Hartz IV bestreiten würden. Nein, sagt sie, diese Zahl liegt nur bei 9,5%. Zumindest dann, wenn man sich nicht auf die Zahl der Erwerbspersonen, sondern auf die Gesamtheit der Gruppe bezieht. Bestreiten also 40% der türkischen Erwerbspersonen ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Hartz IV? Wohl schon.

Ein stichhaltiger Beweis und eine Widerlegung sehen wahrlich anders aus. Weshalb sich Zeit Online jedoch dazu hinreissen liess, diese eher peinlichen Zahlen so reißerisch anzupreisen, bleibt mir ein Rätsel. Thilo Sarrazin braucht sich jedoch keine Sorgen um sein Vermächtnis zu machen, er kann sich eher bestätigt fühlen. Durch diese Studie wurde vor allem eines deutlich: Wie es um die Integration in Deutschland bestellt ist, liegt vor allem im Auge des Betrachters. Der eine feiert eine 22,4%ige (Fach-)Abitur Quote als großen Erfolg, für den anderen ist sie ein eindeutiger Beleg für fehlgeschlagene Integration. Von Bundesämtern für Statistik dürfen wir uns bei der politischen Brisanz des Themas keine objektive, überparteiliche Erhellung erhoffen.

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