Keine christliche Leitkultur!!!

Posted on 21. Oktober 2010

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Endlich bringt es mal jemand auf den Punkt. Patrick Bahners hat auf FAZ.net eine sehr erhellende Replik auf einen Focus Beitrag des Bischofs von Limburg, Tebartz van Elst, veröffentlicht. Darin rückt er so einige Vorstellungen vieler Menschen gerade, die die deutsche Kultur stark im christlichen Glauben verankert sehen.

Richtig ist zwar, dass sich die heutigen Werte- und Moralvorstellungen des Westens fast ausschließlich in christlich und jüdisch geprägten Ländern finden. Daher liegt der Schluss nahe, dass das Christentum die Errungenschaften der westlichen Gesellschaften daher fast ausschließlich für sich reklamieren kann. Bei näherer Betrachtung stellt sich das aber als Trugschluss dar.

Unsere heutigen Freiheiten, Werte- und Moralvorstellungen haben sich oft gerade nicht aus dem Christentum entwickelt, sondern gerade gegen das Christentum. Wer würde ernsthaft behaupten, dass unsere heutige Sexualmoral auch nur im entferntesten christlich ist? Genauso sind die Entscheidungen der Gesellschaft, Homosexuelle als gleichberechtigt zu betrachten, Frauen das Recht auf Abtreibung zu gewähren oder am Sonntag einkaufen zu gehen keineswegs im Sinne des Christentums, sondern stehen diesem diametral entgegen.

In einem war das Christentum jedoch immer geschickt. Moderne gesellschaftliche Strömungen zu verschlafen, dann zu verurteilen, aber ab einem gewissen Punkt zu akzeptieren und sie bei allgemeinem Wohlwollen und offensichtlicher Unumkehrbarkeit als ihre Errungenschaft für sich zu reklamieren. Kaum jemand würde heute daran zweifeln, dass die Demokratie mit dem christlichen Weltbild absolut in Einklang steht. Aber wie steht es um die Rechte der Frauen in der katholischen Kirche? Gleichberechtigung sieht anders aus…

Auch die Glaubens- bzw. Religionsfreiheit war nie im Sinne der Kirche. Es mussten erst etliche Europäer nach Nordamerika übersiedeln, um sich dort das Recht auf ihren Glauben und ihre Weltanschauung zu erkämpfen. Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit? Bis vor wenigen Jahrzehnten war Gotteslästerung strafbar, um aufklärende Wissenschaftler kümmerte sich die Inquisition.

Nein, unsere heutigen Werte haben weniger mit dem christlichen Glauben gemein, als die Kirche es uns gerne glauben machen will. Das wir nicht töten, stehlen, ehebrechen und barmherzig sind, mag mancher einwenden, sei doch christlich. Ist es nicht viel mehr menschlich? In fast jeder Gesellschaft einigt man sich auf ein friedliches und gesittetes Zusammensein, ob sie nun christlich ist, oder nicht.

Es wird Zeit der Kirche ihre vermeintliche Deutungshoheit über unsere Werte- und Moralvorstellungen zu entziehen. Es ist nicht sie, die den gesellschaftlichen und zivilisatorischen Fortschritt in den letzten Jahrhunderten vorangetrieben hat. Es waren die Menschen der Aufklärung, Humanisten, Philosophen, ganz normale Bürger etc. Zollen wir ihnen den Respekt, den sie verdient haben.

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Posted in: Deutschland, Religion