Zukunftsverweigernde Eliten – Der Konflikt ums Internet

Posted on 7. November 2009

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Nirgends erscheint der Generationenkonflikt krasser als im Umgang mit den neuen Medien. Sex, Alkohol und Drogen? Das sind alles Dinge, die auch die älteren Semester kennen. Das können sie irgendwie einschätzen und einsortieren. Wirklich Angst macht ihnen jedoch, dass sie einer neuen Entwicklung nicht folgen können, die für die meisten Menschen unter 40 zu einem bestimmenden Teil ihres Alltags geworden ist.

„Ins Internet bin ich vielleicht ein oder zwei Mal gegangen.“

„Was sind denn jetzt nochmal Browser?“

„Haben sie einen Computer“ „Leider, ja.“

Diese Politiker sind es, die über so wichtige Dinge wie die Vorratsdatenspeicherung oder die Zensur des Internets entscheiden (Kinderporno-Sperre). Natürlich erscheint es für jemanden der seinen Computer lieber nicht hätte, wenig kritisch, ob der Staat nun jeden Schritt verfolgt oder nicht. Es hört sich für ihn sicherlich auch gut an, dass in Zukunft das BKA hätte entscheiden können, welche Seiten ein Provider sperren lassen muss. Denn das Internet und der Computer sind die großen Unbekannten, bedrohliche neue Erscheinungen, die weder er, noch seine Eltern brauchten. Da er auch ohne dieses Teufelszeug ein wichtiger Politiker und Intellektueller werden konnte, wird es für die nachfolgenden Generationen nur von Vorteil sein, wenn man den Umgang damit möglichst erschwert und einschränkt. Diejenigen, die sich über restriktive Gesetze beschweren, sind doch in einer Parallelwelt gefangen, aus der sie nicht mehr rauskommen und damit die besten Beispiele für den negativen Einfluss des Computers und Internets auf die Menschen. „Geht raus oder lest ein Buch!“

Die Hilflosigkeit der „Generation Offline“, wie der Spiegel sie wahrscheinlich taufen würde, zeigt sich auch immer wieder wenn nach den Gründen für Amokläufe geforscht wird. Ohne dass es bisher eindeutige Studien zum Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt gäbe, versuchen Politiker, Eltern und andere Interessenvertreter immer wieder Videospielherstellern die Alleinverantwortung zuzuschieben. Gerade in Bayern wird dabei gerne das Grundgesetz außer Acht gelassen und ein Herstellungsverbot gefordert (unter Strafandrohung bei Zuwiderhandlung). Willkommen in der Riege anderer großer Nationen, die Kulturschaffende für ihre Produkte bestrafen. Aber halt, Videospiele gelten für die meisten ja nicht als Kunst. Beruhigend ist nur, dass auch das Buch und der Film in ihren frühen Jahren ähnliche Anfeindungen und Fehleinschätzungen überstehen mussten und diese überstanden haben.

Dabei wäre eine Annäherung zum Medium Videospiel auch im Sinne der Kommunikation mit den eigenen Kindern zu empfehlen. Wie oft musste ich es im Kreis der Familie miterleben, dass Eltern nur die Augen verdrehen, wenn ihr Kind die, zumindest subjektiv, spannenden Geschichten aus seiner virtuellen Welt erzählt. Wenn ich dann mit Interesse lausche, was die Welt der Pokemon zu bieten hat (ohne auch nur ein Wort zu verstehen, aber das ist egal), ernte ich ein leuchtendes Strahlen und großen Respekt. Schon solche Kleinigkeiten verbinden.

Hierin zeigt sich das größte Problem der älteren Generation: Die komplette Verweigerung dem neuen Gegenüber (oft ohne jedwede Kenntnis des Mediums; Ablehnung ohne Kenntnis hat als Kind immer zum Satz geführt: „Erst probieren!“). Wie oft hört man auch heute noch, dass es ein Segen sei, kein Handy bei sich zu führen. „Diese ständige Erreichbarkeit macht einen doch zum Sklaven seiner Umwelt“ (man kann Handys auch ausschalten). „Ich lese nicht gerne am Computer, das haptische Erlebnis einer Zeitung will ich nicht missen“ (es ist traumhaft, wenn man einen ganzen Tisch einnehmen muss, um umzublättern; ganz abgesehen von der mangelnden Aktualität, am besten ist doch die Kombination aus beidem). „Für den Computerkram bin ich zu alt.“ Es gibt noch unendlich viele weitere Beispiele.

Ich will hier nicht unerwähnt lassen, dass diese Verweigerungshaltung auch in Teilen der jüngeren Generation als durchaus chic gilt. „Ich bin wieder dazu übergegangen, meine Kontakte in ein Notizbuch zu schreiben.“ Dabei soll natürlich jeder so glücklich werden, wie er will, aber bitte mit Rücksicht auf die Fortschrittszugewandten. Ein Beispiel dieser Zunft ist auch Richard David Precht:

„Eine Gesellschaft, deren meinungsführende Zeitungen bedroht sind und deren Informationsquellen sich fragmentarisieren, steht vor dem Untergang ihrer Öffentlichkeit. […] Je individueller wir uns mit Information versorgen, umso haltloser wird der soziale Kitt. Dieser unbewältigte Strukturwandel der Öffentlichkeit ist es, den wir diskutieren müssen. Eine Gesellschaft 2.0 könnte am Ende gar keine mehr sein. Ein wehrloses Ensemble von Massen-Eremiten, das tatenlos zusehen muss, wie irgendwann jede Sozialnorm durch eine Marktnorm kannibalisiert wird. Eine solche Gesellschaft kennt keine Weltanschauung oder Parteien mehr, sondern nur User.“ (Spiegel 45/200)

Ein Mann, der gerade einmal 44 ist, deutlich eloquenter, intelligenter und belesener als ich, malt tatsächlich ein Weltuntergangsszenario an die Wand. Dabei klingt dieser Auszug auch verdächtig nach Werbung für einen technologisch rückschrittigen, gleichgeschalteten Staat, indem es nur Staatsmedien gibt. Oder habe ich ihn falsch verstanden? Je weniger Informationsquellen, desto größer der soziale Zusammenhalt, richtig? (btw: Die Piratenpartei widerlegt seine Ansicht, dass sich „User“ und die Existenz von Parteien ausschließen! Auch FDP und SPD setzen verstärkt auf das Internet und haben keine Angst vor vermeintlich staatszersetzendem Einfluss.)

Leider ist diese Haltung jedoch exemplarisch für die deutsche Elite. Kaum ein anderes westliches Land hadert so sehr mit dem Web 2.0. Der Spiegel kritisiert die Jugend ständig für ihre freimütige Nutzung sozialer Netzwerke, der Gesetzgeber gängelt die Anbieter mit restriktiven Gesetzen, die Rechtsprechung macht mit und lässt Blogger für Beiträge anderer haften und Politiker wie Intellektuelle sind fast vollständig abwesend und meist ablehnend. Wie sieht es anderswo aus? Obama nutzt die Chancen des Internet- und Computerzeitalters und versucht sich nicht im Kampf gegen Etwas, das er sowieso nicht aufhalten kann.

Die Welt hat sich verändert und Veränderung ruft auch immer Ängste hervor. Aber nie hat das Aufkommen eines neuen Mediums zum Untergang der Welt geführt. Wir erwarten nicht, dass sie die Speerspitze der Nutzer darstellen, aber sie sollten seiner Verbreitung und freien Nutzung keine Steine in den Weg legen und wenigstens die Chancen erkennen. Im Iran und in China sieht man die ungeahnten Möglichkeiten, die das Internet bietet. Nur durch das Internet haben Millionen von Menschen einen kostengünstigen und schnellen Zugang zu freien Informationen. Auch hierzulande profitieren Millionen von Menschen tagtäglich vom Internet. Es erleichtert die Arbeit, bietet Zugang zu unendlich vielen Informationen und schlägt Brücken zwischen Menschen. Was will man mehr?

Ihr könnt eure tiefen Gedanken auch weiterhin im holzvertäfelten Lesesaal sitzend mit dem Mont Blanc Meisterstück Schreibgerät in etliche Moleskine-Notizbücher schreiben. Dabei dampft der frisch aufgesetzte Assam wie in den guten alten Zeiten. Völlig analog!

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