Europa und der Laizismus – Wie Christen Atheisten diskriminieren

Posted on 6. November 2009

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Ein wunderbares Schauspiel, das sich zur Zeit in Italien ereignet. Eine atheistische Familie klagte sich vergeblich durch alle italienischen Instanzen, weil die Söhne in einer religionsfreien Umgebung lernen sollten, in ihren Klassenräumen aber, nach italienischem Brauch, immer mehrere Kruzifixe hingen. Das obwohl sie eine staatliche Schule besuchen.

Erfolg hatte die Familie nun schließlich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Endlich! Während die Verfechter der Kruzifixe behaupten, dieses sei ein Symbol für Freiheit, Gleichheit und Toleranz, muss man ihnen leider einige geschichtliche Fakten entgegenhalten. Mehrere Kreuzzüge und gewaltsame Missionierungen in aller Welt sprechen eine andere, eine deutliche Sprache der Gewalt und Intoleranz. Auch können die Wissenschaftler Europas ein Lied vom Schutz ihrer Würde durch die katholische Kirche singen. Die Inquisition lässt grüßen.

Zu dem Argument, dass Atheismus nicht privilegiert werden darf, muss man sich eigentlich nicht äußern. Aus Gründen der Vollständigkeit möchte ich dennoch Stellung nehmen. Die Abwesenheit von religiösen Symbol stellt schwerlich eine Privilegierung des Atheismus dar, sie stellt lediglich „Waffengleichheit“ zwischen den Weltanschauungen her. Die Zurschaustellung des Kruzifixes als einzigem Symbol einer Religion in einem Raum privilegiert aber eindeutig den Katholizismus, wird damit doch gezeigt, dass in diesem Klassenraum lediglich diese Religionsgruppe repräsentiert werden soll. Oder wo bleibt der Halbmond, Davidstern oder sonstige religiöse Symbole? Den Atheismus würde man dann privilegieren, wenn man Zitate alá „Es gibt keinen Gott!“ etc. aufhängen würde.

Neidisch müssen Anhänger des Laizismus nach Frankreich, oder in die religiös oft als heillos rückständig verschrienen USA, schauen. Religiöse Symbole werden in private Einrichtungen verbannt, an öffentlichen Schulen dürfen nur von den Schülern privat gebrauchte, dezente Symbole verwendet werden. Die Schule ist ansonsten frei davon. Weshalb es der Rest Europas bis heute nicht geschafft hat, die Pluralität ihrer Bevölkerung im Jahr 2009 auch im Hinblick auf deren Weltanschauung anzuerkennen, überrascht. Immerhin sind selbst in Italien 16% konfessionslos, in Deutschland gar 39% (selbst in Bayern immerhin noch 21%). Von anderen Religionsgruppen ganz zu schweigen. In Deutschland stellen die Konfessionslosen damit sogar die größte Gruppe.

Auch dem Argument, dass die europäischen Werte untrennbar mit der christlichen Kultur und Geschichte des Kontinents verbunden sind, muss endlich widersprochen werden. Nicht umsonst haben sich gerade die Europäer gegen die Unterjochung durch die Kirche gewehrt. Unsere heutigen Werte entstammen zu einem Großteil gerade aus dem gesellschaftlichen Diskurs der Aufklärung!

Wieso wird die Gleichstellung der Frau in unserer Gesellschaft zum Beispiel als erstrebenswert angesehen, während die Frau in der katholischen Kirche eindeutig nicht dieselben Rechte genießt? Wo besteht die Verbindung zwischen Demokratie und dem christlichen Glauben? Weshalb wird Sex allgemein als etwas positives auch zur reinen Unterhaltung und nicht bloß als Mittel zum Zweck angesehen? Wieso glauben wir der Wissenschaft und nicht den Bibelgeschichten? Würde unsere Kultur untrennbar mit der Kirche verbunden sein, dann wären wir kaum zu diesen Erkenntnissen gelangt.

Die Kirche war einfach immer gut darin die Menschen in ein Abhängigkeitsgefühl zu treiben und ihnen einzureden, dass sie die Kirche brauchen um ihr Seelenheil zu erlangen. Im gleichen Maße hat sie es geschafft, die geänderten Wertevorstellungen, die teilweise  gerade als Gegenpol zur Kirche entwickelt wurden, für sich zu reklamieren.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weist in die richtige Richtung. Der Weg bis zur vollständigen Trennung von Kirche und Staat bleibt aber weiter steinig und schwer. Wieso zieht der Staat Kirchensteuer ein? Wieso entscheidet unser Staat welche Glaubensgemeinschaft eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wird und wieso gibt es dieses Institut? Wieso erhalten anerkannte Glaubensgemeinschaften Steuererleichterungen (womit ich als Atheist sie quasi mitfinanziere)?

Es bleibt zu hoffen, dass der Glaube bald als Privatsache angesehen wird und keinen Einzug mehr in den öffentlichen Raum findet.

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