Meine Beziehung zum SPIEGEL

Posted on 3. November 2009

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Lieber Spiegel,

seit nunmehr einem Jahrzehnt bist Du mein mehr oder weniger treuer Begleiter. Als Teenager habe ich Dich entdeckt und war begeistert von der vielfältigen Welt, die Du mir geboten hast. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Sport und vieles mehr. Tageszeitungen waren mir zu unhandlich, erwachsen und zu schnell überholt. Du brachtest ein wenig Gemütlichkeit in die schnelllebige Welt der Nachrichten, man konnte Dich auch nach ein paar Tagen noch aufschlagen und war dennoch bestens informiert. Mit Dir habe ich die Welt der Nachrichten erst entdeckt.

Du bist in einer Zeit geboren, als die Republik noch eine ganz andere war. Sie lag in Schutt und Asche, die Menschen mussten um ihr Überleben fürchten. Von einer friedfertigen Zukunft in Wohlstand war kaum zu träumen. In greifbarer Nähe war sie schon gar nicht. Aus dieser Zeit hast Du den ausgeprägten Pessimismus als Selbstschutz übernommen. Wer immer nur vom Schlimmsten ausgeht, kann nicht enttäuscht werden.

Diese Zeit liegt lange hinter uns. Die Bundesrepublik im Jahr 2009 hat nicht mehr viel mit der des Jahres 1947 gemein. Das Leben in Frieden und Wohlstand ist längst Realität und keiner zweifelt ernsthaft daran, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern könnte. Außer Dir.

Hinter jeder positiven Nachricht steckt ein negativer Kern. Der Abgrund ist immer ganz nah. Die Arbeitslosenzahlen sind erstaunlich positiv ausgefallen? Nur durch Tricks der Regierung, das dicke Ende wird bald kommen. Wenn man Dir in den Jahren 2002-2004 Glauben geschenkt hätte, dann hätte Deutschland einer ganz traurigen Zukunft entgegen geblickt. Die demografische Entwicklung führt zu unüberwindlichen Problemen, Arbeitslosigkeit von über 10% ist erst der Anfang, das schwache Wirtschaftswachstum wird über Jahre nicht weichen und die Sozialsysteme sind sowieso am Ende. Alles was wir tun konnten, war, den Untergang zu verwalten.

Kaum 2 Jahre später war alles anders. Deutschland Exportweltmeister, das Wirtschaftswachstum zeitweise das höchste in der westlichen Welt (wenn auch nur ein Quartal lang) und die Steuereinnahmen sprudelten. Eine Entwicklung, die man für unmöglich hätte halten müssen, wärst Du meine einzige Informationsquelle geblieben.

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Journalisten die selben Quellen teilweise auswerten. Es geht hier nicht um politische Gräben, sondern einfach um die uralte Frage, ob das Glas halb leer, oder halb voll ist. Beim Spiegel ist es halb leer, beim Handelsblatt und der FTD halb voll.

Durch die ständige Schwarzmalerei, die mir als notorischem Optimisten irgendwann zu viel wurde, zweifelte ich langsam an Dir. Sollte ich mir ständig anhören wie schlecht es um uns und damit auch mich bestellt sei, wenn doch eigentlich alles in Ordnung ist? So ganz konnte ich mich aber doch nicht trennen, denn ich sah auch positive Seiten in Dir.

Zum Bruch kam es dann aber doch. Dein Leitartikel zum damaligen Kopftuchstreit hat mich schockiert. Das Magazin, dass sich rühmt, einer der Pfeiler unserer Demokratie zu sein, spricht sich ernsthaft für ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Dienst aus, findet aber eine Rechtfertigung für Nonnen die in Ordenstracht unterrichten. Das kollidierte gehörig mit meinem Gerechtigkeitsempfinden und brachte das Fass zum überlaufen.

Über 2 Jahre kam ich ohne Dich aus. Das heisst nicht ganz, denn Spiegel Online blieb meine favorisierte Nachrichtenseite. Jedoch ging ich nicht mehr Montags zum Briefkasten und erwartete den gewohnten Anblick des in der Mitte geknickten roten Magazins. Nur noch Rechnungen und Werbung warteten auf mich.

In der Zeit begann ich mit einem Monatsmagazin fremdzugehen. „Cicero“ war meine Neue. Nun hatte ich noch mehr Freiheit. Einen Monat Zeit um sich durch die Seiten zu arbeiten. Nein, jetzt war es auf jeder Seite eine Freude. Die Portraits, Interviews und Berichte waren fantastisch. Keine Seite, die mich nicht interessierte und dazu noch ein Magazin für Optimisten. Ich vermisste Dich nicht.

Weder beim Arzt, noch bei Freunden warf ich einen Blick auf Dich. Ganz oder gar nicht, war die Devise. Doch irgendwas fehlte. Die ganze Breite an Informationen bot Cicero nicht, auch mangelt es in Monatsmagazin naturgemäß an Aktualität. Spiegel Online reichte mir irgendwann einfach nicht mehr. So kam ich dann doch wieder zurück. Reumütig.

Keine Tageszeitung und kein Wochenmagazin stellt besser dar, was die Nation gerade beschäftigt. An Dir führt einfach kein Weg vorbei, wenn man wissen möchte, was zur Zeit passiert. Nur Du hast so viele exklusive Artikel und Hintergrundstorys. Du machst Dich unersetzbar.

Etwas weniger Pessimismus würde unserer Beziehung dennoch gut tun. Wende Dich auch den neuen Medien etwas wohlwollender zu. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, wie Du letztens getitelt hast. Die Moderne ist nicht so schlecht, wie Du oft meinst. Versuch Dich einfach mal daran. Eine iPhone App wäre ein Anfang. Ich weiss, dass Du denkst eine mobile Internetseite wäre genauso gut, das ist sie aber leider nicht.

Und keine Angst: Auch wenn Du positive Nachrichten einfach mal als solche stehen lässt, werden Dir die negativen nicht ausgehen.

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Posted in: Medien, Zeitgeschehen